“Was brauchst du, um das zu leisten?”

Wer fordert, ohne zu entscheiden, verschiebt die Führungsfrage ins Team.

Viele Führungskräfte kennen die Frage: Warum liefert mein Team nicht, obwohl der Anspruch klar ist? Die Frage ist berechtigt. Aber sie ist oft unvollständig und damit nicht zielführend.

Ein Anspruch wird nicht dadurch erfüllbar, dass er ausgesprochen ist. Irgendwann braucht es die zweite Frage: Was brauchst du, um das zu leisten?

Als ich die Frage selbst zu spät stellte

Diese Frage habe ich mir selbst einmal zu spät gestellt.

Ein Jahr nach dem Gewinn des Schweizer Meistertitels im Thaiboxen stand ich vor der Option einer Titelverteidigung. Von aussen hätte vieles dafür gesprochen. Innerlich war ich nur halb dabei. Beruflich lief viel, privat beschäftigte mich ein Immobilienkauf, das Training lief irgendwo dazwischen mit.

In einem Sparring war ich unkonzentriert und lief in eine harte rechte Gerade. Zum ersten Mal musste ich ein Training abbrechen. Ich setzte mich hin und sah die Halle und meine Trainingspartner wie durch ein Kaleidoskop. Hirnerschütterung.

Der Entscheid danach war nüchtern. Die Titelverteidigung hatte gerade keinen Platz. Der Wille fehlte nicht. Aber ich hatte zu viel gleichzeitig getragen und es lange nicht sehen wollen. Was fehlte, war die Entscheidung, was Vorrang hat.

Wenn nicht die Fähigkeit fehlt, sondern die Kapazität

Genau diese Konstellation sehe ich in Organisationen, nur von der anderen Seite.

Ich erlebe oft Führungskräfte, die ihrem Team vorhalten, es solle endlich liefern. Der Anspruch ist berechtigt und ausgesprochen. Und trotzdem passiert zu wenig. Was in solchen Momenten selten mitgedacht wird, ist die Frage, was das Team gerade tatsächlich tragen kann.

Das ist keine Frage der Schonung. Gerade nach mehreren Veränderungsprozessen sind Teams oft an einem Punkt, an dem nicht die Fähigkeit fehlt, sondern die Kapazität. Sie wurden durch jede Runde neu motiviert und haben jedes Mal wieder investiert. Wer dann nur den Anspruch erhöht, bekommt keine Leistung, sondern eine Erschöpfung, die aussieht wie mangelnder Einsatz. Und die Führungskraft zieht den falschen Schluss.

Die Frage verlangt eine Führungsentscheidung, keine Nachsicht

Hier kommt die Frage ins Spiel, die ich mir im Sparring hätte stellen sollen: Was brauchst du, um das zu leisten?

Sie senkt den Anspruch nicht. Sie macht sichtbar, welche Führungsentscheidung fällig ist. Die Antworten verlangen meist eine Entscheidung, nicht Nachsicht. Wenn zu vieles parallel läuft, muss jemand festlegen, was Vorrang hat und was warten kann. Wenn Ressourcen fehlen, braucht es entweder mehr davon oder einen angepassten Anspruch. Genau das ist Führungsarbeit, und sie lässt sich nicht an das Team delegieren. Wer fordert, ohne diese Entscheidungen zu treffen, verschiebt eine ungeklärte Führungsfrage ins Team.

Das Unbequeme daran ist, dass die Frage die Führungskraft selbst betrifft. Sie deckt auf, dass zu vieles zugleich verlangt wird, oft von der Ebene darüber weitergereicht. Ich hätte damals etwas weglassen müssen. Eine Führungskraft, die ehrlich fragt, was ihr Team zum Liefern braucht, steht früher oder später vor derselben Zumutung: etwas zu streichen, das eigentlich auch wichtig wäre.

Einen Anspruch zu benennen, ist das eine. Das habe ich in der letzten Ausgabe thematisiert. Ihn erfüllbar zu halten, ist das andere. Beides gehört zur selben Führungsaufgabe. Wer nur fordert, verschiebt die Last. Wer als Führungskraft entscheidet, was Leistung möglich macht, trägt sie mit.

Kennen Sie den Moment, in dem Sie mehr gefordert haben, obwohl eigentlich klar war, dass etwas weg müsste?